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Sunday 05th of September 2010

Kreistagsfraktion


Brandenburgerin setzte Zwillinge in Berlin aus PDF Drucken E-Mail
Neuigkeiten - Stadtverband Cottbus
Geschrieben von: FDP Lausitz   
Mutter aus Teltow-Fläming ließ ihre etwa neun Wochen alten Säuglinge in der
Charité zurück Später meldete sie sich bei den Behörden. Der Fall spitzt die
Diskussion um Babyklappen weiter zu

Berlin/ Luckenwalde - Die Mutter der am vergangenen Freitag in der Berliner
Charité ausgesetzten, etwa neun Wochen alten Zwillingsbrüder stammt nach
Informationen dieser Zeitung aus dem Landkreis Teltow-Fläming. Vom
zuständigen Jugendamt in Luckenwalde war dazu gestern keine Stellungnahme zu
erhalten.

Der Fall hatte am Wochenende in Berlin viel Aufsehen erregt, weil die
Behörden davon ausgingen, dass sich die Mutter der gesunden und gut
gepflegten Kinder in einer akuten Zwangssituation befand. Bei dem vor dem
Kreißsaal in einem Doppelkinderwagen abgestellten Babys fand man einen
Brief, in dem stand: „Ich möchte gern die zwei Kinder anonym zur Adoption
freigeben, da ich ihnen ein besseres Leben ermöglichen möchte wie ich es
habe (Gewalt im Alltag). Bitte auch nicht nachzuforschen. Danke“. Das
„Danke“ war zweimal unterstrichen.

Rainer-Maria Fritsch, der Jugendstadtrat von Berlin-Mitte, wo die Babys
gefunden wurden, hatte sich noch am Sonnabendmorgen große Sorgen um die
Mutter der Jungen gemacht: „Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Frau in
einer furchtbaren Notlage befindet“, sagte er. Zugleich bat er die Mutter,
sich zu melden: „Jugendamt, Kindernotdienst, Krankenhaus, Polizei – alle
wissen Bescheid. Wo immer die Mutter auftaucht, wird ihr geholfen.“

Stadtrat und Polizei betonten, dass die Mutter der Zwillinge „höchst
verantwortlich“ gehandelt hat und ihr die Trennung von den gesunden und gut
gepflegten Kindern schwer gefallen sein muss. Die Frau müsse keine Angst vor
Strafe haben, sagte ein Polizeisprecher. Man bewerte ihr Tun nicht als
Kindesaussetzung. „Da die Frau dafür sorgte, dass die Kinder schnell
gefunden wurden, behandeln wir den Fall wie die Abgabe in einer Babyklappe.
Das heißt, es wird nicht gegen die Mutter ermittelt.“

Als die Frau sich tatsächlich meldete, war die Erleichterung groß: „Sie hat
am Sonnabendabend mit Mitarbeitern des Kindernotdienstes gesprochen“,
bestätigte gestern Jugendstadtrat Fritsch: „Wir sind sehr froh und werden
ihr helfen, so gut es geht.“

Zum Alter der brandenburgischen Mutter und zu sonstigen Umständen wollten
die Berliner Behörden gestern aus datenschutzrechtlichen Gründen keine
weiteren Auskünfte geben. Die Mutter befände sich aber „in Sicherheit“, hieß
es und auch die Kinder würden zunächst in der Obhut des Berliner Jugendamts
bleiben. Heute soll Kontakt zum Landkreis Teltow-Fläming aufgenommen werden,
um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die Frau sei bereit, Hilfe
anzunehmen, möglicherweise würde sie ihre Entscheidung, die Kinder zur
Adoption freizugeben, noch einmal überdenken, hieß es weiter.

Dass eine Mutter sich noch nach neun Wochen von ihren Kindern trennt, sei
selten, sagt der Chefarzt der Kinderklinik in Berlin-Neukölln, Rainer Rossi.
Meist geschehe das unmittelbar nach der Geburt, wenn noch wenig emotionale
Bindung bestehe. Rossi begrüßt, dass die Polizei das Vorgehen der Mutter
nicht als Kindesaussetzung bewertet, die mit bis zu zehn Jahren Haft
bestraft werden kann.

Im Neuköllner Klinikum gibt es seit einigen Jahren eine Babyklappe, in der
auch schon ein bis zwei Dutzend Kinder abgegeben wurden. Genaue Zahlen darf
Rossi nicht nennen, weil der rechtliche Status von Babyklappen ebenso wie
der von anonymen Geburten in Deutschland nach wie vor nicht geklärt ist.

Angesichts der wachsenden sozialen Not und der fast täglichen Meldungen über
Kindstötungen sei das ein gesellschaftlicher Skandal, findet eine Schwester
im Zehlendorfer Krankenhaus „Waldfriede“. Dort gibt es seit Jahren
Babyklappe und anonyme Geburten, vor allem aber Betreuung der betroffenen
Frauen. „Es sind viele Gründe, warum Mütter sich meist schweren Herzens von
ihren Kindern trennen“, sagt die Schwester: „Das reicht von der vom eigenen
Vater Vergewaltigten bis zur Aidskranken, die weiß, dass sie nicht mehr
lange leben wird, ihr Kind aber gesund ist. Eigentlich müsste in jeder
Klinik eine Babyklappe sein.“

Im Flächenland Brandenburg umso mehr, meinen viele Experten. Denn während es
in Berlin vier Babyklappen hat, gibt es im gesamten Land Brandenburg nur
eine – die Klappe im St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam. Dass
brandenburgische Frauen ihre Kinder in Berlin aussetzen, ist daher kein
Einzelfall. Frauen aus der Uckermark, der Prignitz oder der Lausitz müssten
dazu allerdings ihre Neugeborenen mehr als 100 Kilometer weit
transportieren.

Doch alle Vorstöße für mehr Babyklappen im Land scheiterten bislang. Im
zuständigen märkischen Gesundheitsministerium heißt es, man fördere das
nicht, sondern setze nach wie vor auf die lokalen Netzwerke „Gesunde
Kinder“, bei denen Paten die Familien zuhause aufsuchen. Allerdings verfügen
nach Aussagen von Ministerin Dagmar Ziegler (SPD) erst 53 Prozent der
Familien mit Neugeborenen gegenwärtig über Paten.

Die Diskussion dürfte sich angesichts der vier innerhalb der letzten sechs
Monate in Brandenburg getöteten Neugeborenen weiter zuspitzen. In der
vergangenen Woche lehnte das Cottbuser Thiem-Klinikum ab, eine Babyklappe
einzurichten. Begründung: Es gäbe keinen Beweis dafür, dass dann weniger
Neugeborene getötet würden. Und außerdem würden dann vielleicht sehr viele
Kinder anonym abgegeben werden, die doch ein Recht darauf hätten, ihre
Herkunft zu kennen.

Der Neuköllner Chefarzt Rainer Rossi findet das heuchlerisch. Das Recht auf
Leben stünde doch wohl über dem Recht auf Kenntnis der eigenen Wurzeln,
meint er. Zwar seien Babyklappen kein Allheilmittel, aber sie könnten die
oft im Affekt und in absoluter Panik begangene Tötung der Kinder unmittelbar
nach der Geburt in einigen Fällen verhindern.

Die junge Frau, die vor fünf Monaten ihr Neugeborenes in Nauen tötete, gab
an, sie habe das Baby eigentlich anonym in Berlin zur Welt bringen wollen.
Auch die Cottbuserin, die vor wenigen Wochen ihren Sohn nach der Geburt
erstickte und am Gräbendorfer See verscharrte, hatte angeblich mit dem
Gedanken gespielt, das Kind in einer Babyklappe in Berlin abzulegen.

„Die Chance der ungewollten Kinder, am Leben zu bleiben, wächst offenbar mit
der Möglichkeit der Mütter, anonym zu bleiben“, schätzt ein Ermittler der
Kriminalpolizei ein. Das aber sei in Brandenburg oftmals schwierig.
Wahrscheinlich sei die Mutter der in der Charité ausgesetzten Zwillinge auch
genau deshalb nach Berlin gekommen.

Hilfe und Beratung für Schwangere und Mütter gibt es – auch anonym – in
Berlin unter der Telefonnummer (030) 61 00 61 oder (030)8181 0335. In
Brandenburg hilft das St.Josefs-Krankenhaus Potsdam (0331) 96820 oder das
Kinderhaus Sonnenblume in Bernau (03338) 759402. In beiden Einrichtungen
kann man Kinder notfalls auch anonym abgeben.
 

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