''Wir können uns so viel nicht leisten!''

Lausitzer Rundschau vom 26. August 2011

Staatstheater Cottbus
Foto: Marlies Kross

Seit Februar 2011 ist Sabine Kunst (parteilos) Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. Zuvor war sie Präsidentin der Universität Potsdam. Viel Zeit zum Durchatmen im neuen Amt blieb nicht - in der Kulturstiftung Cottbus schlagen die Wellen wegen einer zu erwartenden Unterfinanzierung hoch. Der Intendant des Staatstheaters, Martin
Schüler, hatte bereits in einem Interview zum Ende der vergangenen Spielzeit seine Position deutlich gemacht, jetzt wirft der Geschäftsführende Direktor René Serge Mund das Handtuch. Und Ende des Jahres geht auch die Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk, Perdita von Kraft. Viele Baustellen für die Ministerin, die Vorsitzende des Stiftungsrates ist, der über beide Einrichtungen das Sagen hat.

Wie geht die Ministerin die Probleme an? Sie kommen aus der Wissenschaft. Das Ministerium, das Sie übernommen haben, führt die Kultur an dritter Stelle im Namen - welchen Stellenwert hat sie für Sie?

Für mich sind Wissenschaft und Forschung miteinander verbunden und eigentlich ein Begriff. Und die Kultur hat für mich einen hohen Rang als Pendant zur Wissenschaft. Es kommt mir
auch darauf an, nach Bezügen zwischen Kultur und Wissenschaft zu suchen.

Haben Sie schon welche gefunden?

Ja, es gibt sie an vielen Standorten. Ich möchte erreichen, dass Wissenschaft stärker mit Kultur kooperiert, und umgekehrt auch der Blick von Künstlern für die Wissenschaft als etwas ganz Wichtiges wahrgenommen wird. Am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung beispielsweise gibt es ein interessantes Projekt, wo sich Künstler mit Klimafragen befassen und das in ihre ganz eigene Sprache kleiden.

Wie sieht für Sie die Kulturlandschaft des Landes Brandenburg in den nächsten Jahren aus und wo setzen Sie Prioritäten?

Die Landesregierung Brandenburg hat sich in ihrem jetzigen Haushaltsentwurf dazu durchgerungen, die Kultur finanziell weiterhin so auszustatten wie bisher. Es gibt keine Kürzungen im
Etat. Darin liegt auch die Chance, die Kultur weiterzuentwickeln. Für mich ist es wichtig zu erfassen, welche Projekte von überregionaler Strahlkraft mit der Aktivität des Landes verbunden werden sollten und wie andererseits kleinere dezentrale Projekte eine Möglichkeit der Förderung bekommen.

Klar gefragt: Bleibt alles so, wie es jetzt ist?

Klar gesprochen, ist das, was jetzt ist, sehr viel. Wir können uns so viel nicht leisten.

Also gibt es doch Kürzungen?

Es sind sehr viele Projekte so prekär finanziert, dass, wenn sich an den Finanzierungsquellen - nicht nur des Landes, sondern auch der anderen Beteiligten, insbesondere der Kommunen - nichts ändert, die Kulturlandschaft so nicht bleiben wird.

Liegt es also vielleicht weniger am Land, wie die Rückzugsversuche der Stadt Cottbus aus der Kulturstiftung zeigen?

Das, was sich in Cottbus ankündigt, liegt definitiv nicht am Land.

Wenn Sie sagen, Sie wollen die Leuchttürme erhalten, aber auch die kleinen Projekte fördern - wo setzen Sie denn Ihre Akzente? Welches ist Ihr Konzept, Ihre Linie in der Kulturpolitik?

Mein Ziel ist, dass es eine Mischung zwischen den Dingen mit Strahlkraft wie beispielsweise dem Theater in Cottbus und einer dezentralen Struktur an Kultureinrichtungen gibt, die zusammen den Reichtum der Kulturlandschaft in Brandenburg ausmachen. Das bedeutet auch, dass Kulturprojekte, die anfinanziert werden durch das Land, sich bewähren müssen. Sie müssen also selbst Mittel einspielen, beispielsweise durch Eintrittsgelder, sodass sich kleine Theater oder Museen dann aus eigener Kraft weiterentwickeln können. Die Institutionen des Landes werden auch dafür gefördert, dass sie die Kleinen mitqualifizieren. Ich denke da an den Verbund für die Museen. Ähnlich kann man sich das auch für die Theater und Orchester vorstellen. Wir können uns nicht überall das Gleiche leisten, es ist aber für alle in Brandenburg eine Teilhabe an diesen vom Land maßgeblich geförderten Einrichtungen möglich, wenn beispielsweise ein größerer Reisezirkus über das Land organisiert wird. Solchen Zirkus haben wir eigentlich schon reichlich, wenn man bedenkt, dass Frankfurt (Oder) gar kein eigenes Ensemble mehr hat. Es gibt aber ein hervorragendes Orchester in Frankfurt. Und es gibt einiges zu tun für die Abstimmung von Gastspielen und Veranstaltungen. Dass die Künstler aus Cottbus in Frankfurt spielen, halte ich für ihre Aufgabe im Landesinteresse. Ich habe eher das Bemühen, das zu verstärken, als es zurückzufahren. Das Zusammenfügen zu Netzwerken ist mir wichtig.

Sie sagten eingangs, am Kulturetat werde nicht gekürzt. Irgendwie geisterten aber einzusparende 27 Millionen Euro herum. Keine Einsparungen?

Sie sagen es, sie geisterten herum. Das ist die Zahl des Eckwertebeschlusses. Bezogen auf den Kulturetat ist für das kommende Jahr keine Kürzung vorgesehen. Das ist ein großer Verhandlungserfolg. Die Absicherung der Theater- und Orchesterkörper ist damit besser als je zuvor, weil es eine sogenannte Verpflichtungsermächtigung gibt, die längerfristige Theater- und Orchesterverträge ermöglichen wird. Insofern ist das ine Konsolidierung für die Kulturlandschaft in Brandenburg. Das Land steht zu seinem Wort, auch gegenüber der Kulturstiftung Cottbus. Tatsächlich ist ja, damit die festgelegte Summe stabil bleibt, der Anteil des Landes gewachsen, weil die Stadt Cottbus ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. Das ist die aktuelle Lage. Ab 2015 allerdings fehlt der Kulturstiftung, namentlich dem Staatstheater, eine Million Euro. Die Rücklagen des Theaters, die jetzt bei der Finanzierung helfen, sind dann aufgebraucht. Der Auftrag an Verwaltungschef und Intendant lautet, bis 15. November Vorschläge zu machen, wie das kompensiert werden kann. Der Intendant sagt, das bedeute, etwa 30 Stellen zu streichen. Da ist tatsächlich die Frage zu stellen, was für ein Theater will das Land? Die Verantwortung des Landes ist es, die Ressourcen bereitzustellen, dass das Haus in Cottbus weiter bestehen kann und es gibt mehr, als ursprünglich vertraglich vereinbart. Es liegt jetzt in der Verantwortung der Theaterleitung, dem Stiftungsrat einen Vorschlag zu unterbreiten - nichts anderes ist beschlossen worden. Sodass im Laufe des Jahres 2011 eine Entscheidung fallen kann, wie es ab 2014 weitergeht.

Frau Kunst, Sie erwarten vom Intendanten, dass er das Theater Stück für Stück selbst abwickelt . . . Soll es dann noch ein Staatstheater sein?

Es ist die Aufgabe der Theaterleitung, die Konsequenzen zu benennen, die sich daraus ergeben, dass ab 2014 weniger Geld zur Verfügung steht. Die müssen dann bei der Stiftungsratssitzung im November auf den Tisch kommen. Es bringt nichts, vorher zu fordern: Sagt uns, was ihr künftig geben wollt. Die Konsequenzen hat Schüler doch genannt. Er sagt: Wir haben ein in allen Sparten auf hohem Niveau agierendes Ensemble. Hier etwas herauszulösen, hieße die künstlerische Strahlkraft zu zerstören.

Und Sie erwarten, dass er das selber tut.

Es ist meine Aufgabe, für das gesamte Land die Zukunftssicherung ab 2014 anzugehen. Ich schätze sehr wert, was in dem Dreispartenhaus in Cottbus eschieht. Aber zunächst mal ist die Aussage: Das Theater muss mit dem auskommen, was an Mitteln von Stadt und Land sicher zugesagt ist.

Sie sagen, Sie schätzen wert, was am Staatstheater künstlerisch passiert. Die Leute dort fühlen sich aber ganz und gar nicht wertgeschätzt, wenn ihr hohes Engagement scheinbar nicht zur Kenntnis genommen wird, sondern nur, dass sie Geld kosten.

Den Eindruck kann ich nicht teilen, in Gesprächen habe ich etwas anderes erfahren. Und im übrigen habe nicht nur ich, sondern hat unser Haus schon gelegentlich darauf hingewiesen, welch hohe Strahlkraft und welche Bedeutung wir der hohen künstlerischen Qualität des Staatstheaters beimessen. Aber: Die Unterfinanzierung der Theater betrifft ja nicht nur Cottbus - die haben wir landauf, landab. Meinerseits gibt es das Angebot, einen gemeinsamen Weg bei knappen Ressourcen zu finden. Aber einen, der auch kreativ ist, der weiter in die Zukunft reicht, einen anderen Weg sehe ich nicht.

Was sagen Sie denn dazu, dass der Geschäftsführende Direktor mit der Begründung, für ihn sei eine ethische Grenze im Umgang überschritten, seinen Vertrag vorzeitig auflösen will?

Ich habe mit Bedauern zur Kenntnis genommen, in welcher Form sich René Serge Mund äußert. Ich kann diese Position nicht nachvollziehen. An den Vorstand ist eine klare und sachliche Aufforderung ergangen, für seine Leute zu sorgen und sich Gedanken zu machen, was man mit einer gegebenen Summe im Jahr 2014 anfangen könnte. Es ist nicht Aufgabe der Landesregierung, den Job von Serge Mund zu machen und von Herrn Schüler. Die Planungsaufgabe lautet: Ich gebe dir die Summe X - was kannst du dafür liefern?

Ist es für Sie tatsächlich eine Option, dass die Neue Bühne Senftenberg, ein reines Sprechtheater, und die Schauspielsparte des Staatstheaters fusionieren?

In Cottbus wird das heiß diskutiert. Ich denke zurzeit nicht über eine Fusion nach, aber wir werden viele Optionen prüfen, warum also nicht auch neue Formen der Kooperation zwischen Senftenberg und Cottbus.

Ein anderes Problem ist die Stadt Cottbus, die sich Stück für Stück versucht, aus der Stiftung zurückzuziehen. Wie reagieren Sie darauf?

Das Land kompensiert in der Kulturstiftung Cottbus derzeit das, was seitens der Stadt nicht mehr finanzierbar ist. Wir sind mit dem Oberbürgermeister Frank Szymanski auch darüber in intensiven Gesprächen.

Ganz anderes Thema: Die Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk, das ebenfalls zur Kulturstiftung gehört, hat zum Jahresende ihren Vertrag gekündigt. Gibt es seitens des Ministeriums Überlegungen, wie diese Stelle neu esetzt werden soll?

Zurzeit gibt es nur Vorüberlegungen. Im nächsten Stiftungsrat werden wir dazu Entscheidungen treffen. Es ist eine tolle Einrichtung mit einem wunderbaren Flair und vielen Möglichkeiten, die künftig auch genutzt werden sollten. Wir haben jetzt im Zusammenhang mit Kultur viel über Geld geredet. Was viele Leute nicht verstehen: Brandenburg legt wirtschaftlich eine rasante Entwicklung hin, vom Boom-Land ist die Rede, aber wo bleibt das Geld? Wenn man sich den Bedarf der Haushaltskonsolidierung des Landes Brandenburg ansieht, ist die Zielmarke, dass mit Wegfallen aller Sonderprogramme 2019 der Haushalt um 20 Prozent gekürzt sein muss. Brandenburg nimmt zurzeit noch eine Nettoverschuldung in Kauf. So wird trotz einer sehr positiven wirtschaftlichen Entwicklung das Sparen die Begleitmusik der nächsten Jahre bleiben. Das auch vor dem Hintergrund der realen Bevölkerungsentwicklung.